Wie jedes Jahr um diese Zeit sind Sie hier bei unserer Gedächtnisstätte auf dem Grazer Schloßberg zusammengekommen, um unserer Toten zu gedenken. Wir wollen in dieses Gedenken alle Mitglieder der Landsmannschaft miteinzuschließen, die im letzten Jahr von uns gegangenen sind. Sie haben die schweren Zeiten der Vergangenheit, insbesondere die Folgen der Vertreibung gemeistert und konnten wohl nach einem arbeitsamen und erfüllten Leben von uns gehen. Dies galt auch für alle, die Großes für die vertriebenen Untersteirer im Rahmen der Landsmannschaft und außerhalb geleistet haben und die schon länger nicht mehr unter uns weilen. Zwei herausragende Namen sollen hier stellvertretend genannt werden: Bundesehrenobmann Pfrimer und Bundesrat Hofmann-Wellenhof.

Besonders gedenken wir aber derer, denen es nicht vergönnt war, ihr Leben in Frieden zu vollenden. Sie wurden durch die gewaltsamen Ereignisse rund um die beiden großen Kriege des letzten Jahrhunderts grausam und viel zu früh aus der Mitte Ihrer Lieben gerissen.

Jene, die in soldatischer Pflichterfüllung gefallen sind, wußten wohl um den zu zahlenden Preis. Sie kämpften zum Schutz der Heimat und der Grenze, einer Aufgabe, die gerade in der Steiermark als dem "Hofzaun des Reiches" seit den Einfällen der Türken immer wieder Notwendigkeit war und Opfer forderte. Die Untersteirer kämpften im 1. Weltkrieg vor allem in den Traditionsregimentern Nr.47 aus Marburg und Nr.87 aus Cilli und leisteten einen hohen Blutzoll in Galizien und in den Isonzoschlachten. Ebenso gedenken wir der im 2. Weltkrieg an vielen Fronten gefallenen Untersteirer.

Jene aber, die als Wehrlose - ob als Frauen, als Ältere, als Kinder, als Kriegsgefangene - Opfer brutalen Mordens wurden, konnten ihr Leiden und ihren Tod nicht wirklich vorausahnen. Die Schüsse am Marburger Bluttag 1919, die 13 unschuldige Opfer und zahlreiche Verwundete forderten, waren nur ein frühes Fanal für das, was 26 Jahre später über die deutschen Untersteirer hereinbrechen sollte.

Für mich als einen aus der glücklichen Generation, die in Frieden in Österreich aufwachsen konnte und keine Repressionen am eigenen Leib erlebt hat, übersteigen diese Greuel nach dem Ende des 2. Weltkriegs die Vorstellungskraft. Aus Erzählungen, Augenzeugenberichten und den Massengräberfunden der letzten Jahre kann man nur erahnen, welch immenses Leid, welche Verzweiflung und welche Erniedrigung diese Menschen - unsere Angehörigen und deren Freunde - bis zu ihrem letzten Atemzug begleiteten.

Ihnen und der verlorenen Heimat ist dieser Ort im besonderen gewidmet. Mit seinem weiten Ausblick in das steirische Unterland hat er ein ehrenvolles Gedenken auch in Zeiten möglich gemacht, in denen keine Kreuze die Massengräber der Erschlagenen und Erschossenen kennzeichnen durften. Der Lauf der Zeit und die Abfolge der Generationen hat es mit sich gebracht, daß die tiefen Wunden der Vergangenheit vernarben. Der Fall der Mauern in Europa und der Untergang des Kommunismus hat überall den Blick freier gemacht. Daß man die Verbrechen der Vergangenheit nicht mehr einfach verschweigt und daß Kreuze des Gedenkens in Tüchern, in Sternthal und am Bachern möglich sind, gibt die Hoffnung, daß in Zukunft in Europa eine derartige Mißachtung des Menschenrechts nicht mehr vorkommt. Dies ist nicht selbstverständlich. Das haben uns die Greuel beim Zerfall Jugoslawiens in der jüngsten Vergangenheit gezeigt.

Betrachten wir das Leid, ob persönlich oder von Eltern und Großeltern erlitten, als tiefe Verpflichtung, im Sinne der Verständigung für die Zukunft zu handeln, ohne jedoch Recht und Wahrheit zu vergessen! Hoffen wir und wirken wir dafür, daß die Würde der Menschen einer Volksgruppe nie wieder so mit Füßen getreten wird wie in den Zeiten der Vertreibung!

Wir wollen nun im Gedenken an alle unsere Toten einen Kranz niederlegen.